Im Fokus des durch ein DOC-Stipendium der ÖAW geförderten Dissertationsprojekts mit dem Arbeitstitel „Areal K10 in der Äußeren Vorstadt von Ägina Kolonna“ steht überwiegend schachtgräberzeitliche Keramik, konkret aus den Phasen MH III-SH IIB.[1] In Kolonna entdeckte Keramik dieser Zeitstellung wurde bislang nur ausschnitthaft publiziert, etwa in einzelnen Aufsätzen oder in Studien zu bestimmten Keramikklassen.[2]
Areal K10 erlaubt erstmals in der Grabungsgeschichte der Vorstädte Äginas einen diachronen Überblick über das gesamte Formen- und Warenspektrum der Keramik Kolonnas am Übergang von Mittel- zu Spätbronzezeit. Daraus ergibt sich als erstes Ziel der Arbeit die Publikation der Funde in einem Katalog mit Abbildungen und Zeichnungen.
Die zentrale Fragestellung beschäftigt sich mit Veränderungen und Kontinuitäten im Keramikspektrum von K10 vor dem Hintergrund der Mykenisierung, das heißt einer Gefäßformen und Herstellungstechniken oder Dekoren, die in der Phase der Herausbildung der späteren mykenischen Palastzentren in der Nordostpeloponnes auftreten.
In SH IIIA scheint die Mykenisierung der Keramik Kolonnas, wie oben beschrieben, für äginetisches Tafelgeschirr abgeschlossen zu sein. Das heißt, es wurden nur noch Gefäße in mykenischen Stil und mit mykenischer Herstellungstechnik produziert.[3] Wie sich dieser Prozess vor SH IIIA gestaltete, oder ob er überhaupt nachweisbar ist, wird im Rahmen dieser Dissertation auf unterschiedlichen Ebenen verfolgt. Erstens werden auf Basis des gesamten Fundmaterials Entwicklungen bei den Keramikklassen (quantitativ und im Formenspektrum) herausgearbeitet. Besonderes Augenmerk gilt hier den Importen mykenischer Keramik und unbemalter Feinkeramik.
Hier zeigt sich anhand der Funde aus K10, dass die Verbreitung eines neuartigen helltonigen und überwiegend unbemalten Tafelgeschirrsets, das Tassen mit Standfuß, Schöpfer, Kratere und Goblets umfasst, im späteren mykenischen „Kernland“ und auf Ägina praktisch parallel verlief. Dabei fällt auf, dass beinahe alle untersuchten Fragmente von Gefäßen stammen, die auf Ägina produziert wurden, ohne dass ein Einfluss der in der Nordostpeloponnes produzierten Gefäße, z.B. auf die Oberflächengestaltung, von Form und Größe abgesehen, auf deren äginetische Pendants feststellbar wäre (Abb.1).
Auf enge Verbindungen mit dem Nachbarn auf der anderen Seite des Saronischen Golfs deutet ebenso hin, dass bereits in SH IIA der Anteil mykenisch glänzend bemalter Keramik (Lustrous decorated Mycenaean) im gesamten Fundmaterial vergleichbar hoch ist wie in Orten im Nordosten der Peloponnes und damit weit über dem liegt, was aus den wenigen gleichzeitigen Siedlungsbefunden aus Attika bekannt ist.[4] Es scheinen sich also neue Ess-und Trinkpraktiken schnell ausgebreitet zu haben, im Gegensatz zum Wissen rund um mit mykenisch glänzend bemalter Keramik verbundenen Herstellungstechniken:
Für die Dissertation wurden Veränderungen in der Herstellung lokaler Gefäße untersucht, die auf eine Übernahme der Herstellungstechniken für musterbemalte mykenische Keramik hindeuten, zum Beispiel ob die Verwendung einer Töpferscheibe mit Hilfe von Drehrillen oder Abdrehspuren nachgewiesen werden kann. Das Ergebnis fällt ähnlich aus wie bei den unbemalten Gefäßen und bestätigt im Wesentlichen eine von W. Gauss gemachte Beobachtung:[5] Bei der Weitergabe von Wissen rund um das Formen von Gefäßen dieser Klasse scheint es keinen engeren Kontakt zwischen Ägina und der Nordostpeloponnes gegeben zu haben. Wenn mykenische Gefäßformen übernommen werden, werden sie mit denselben Handgriffen gefertigt wie Formen, die zum „traditionellen“ äginetischen Spektrum gehören, wie zum Beispiel mattbemalte geschlossene Gefäße oder Goblets.
Was auf lokal hergestellter Keramik hingegen ab SH I neu hinzutritt, sind Muster, die auf mykenisch musterbemalten Gefäßen auftreten und Versuche, das Aussehen der Gefäße durch glänzende Malfarbe und Polieren der Oberflächen den Vorbildern von der Peloponnes anzunähern. Die Ausgestaltung dieser Musterbemalungen deutet darauf hin, dass äginetische Töpfer (oder Töpferinnen) höchstwahrscheinlich durch Betrachtung importierter Gefäße ihr Wissen erwarben und kein direkter Transfer durch Kontakte zwischen den Handwerkern stattfand (Abb.2).
[1] Ausschlaggebend für die Datierung der jüngsten Schichten von K10 in SH IIB ist das Vorhandensein von relativ flachen rounded alabastra (FS 82/83) mit rock pattern I (FM 32:5) und wheel (FM 68) auf der Unterseite, sowie eines Vapheio cups mit simplen foliate band, goblets mit pendent rock pattern I und goblets mit tendenziell linearem Dekor. Zudem finden sich für die Dekore mattbemalter Amphoren oder Hydrien die besten Vergleiche in den an den Übergang von SH IIB zu SH IIIA:1 datierenden Brunnenverfüllungen vom Südabhang der Athener Akropolis. Das Fehlen von Ephyrean goblets könnte dagegen sprechen, jedoch sind diese in Kolonna vergleichsweise selten (siehe Hiller 1975, Rutter 2023).
[2] Wohlmayr 2000; Gauss 2007; Pruckner 2010.
[3] Gauss 2021.
[4] Nahezu parallel verläuft diese Entwicklung in Tsoungiza in der Korinthia (Rutter 1993).
[5] Gauss 2021, 525.
Abb. 1 und Abb. 2:
Fotos: E. Kreuz, Universität Salzburg/FB Altertumswissenschaften, Grabung Ägina Kolonna
LITERATUR:
Berger et al. 2020
L. Berger – G. Forstenpointner – E. Kreuz – J. Weilhartner, Purpur im bronzezeitlichen Ägina. Archäologische und archäozoologische Evidenz für die frühe Herstellung von Purpurfarbstoff in Griechenland, in: L. Berger – F. Lang – C. Reinholdt – B. Tober – J. Weilhartner (Hrsg.), Gedenkschrift für Wolfgang Wohlmayr, ArchaeoPlus 13 (Salzburg 2020) 43–64.
Frank & Kreuz 2025
D.Frank - E. Kreuz, Comparative analysis of plain pottery in Early Mycenaean settlements: A case study of Kolonna on Aegina and Katsingri in the Argolid, in: B. Lis (ed.), Regional variation in Mycenaean pottery (Warschau 2025) 55-86.
Gauss 2007
W. Gauss, Ägina Kolonna in frühmykenischer Zeit, in: E. Alram-Stern – G. Nightingale (Hrsg.), Keimelion. Elitenbildung und elitärer Konsum von der mykenischen Palastzeit bis zur homerischen Epoche. Akten des internationalen Kongresses vom 3. bis 5. Februar 2005 in Salzburg 350, Veröffentlichungen der mykenischen Kommission 27 = DenkschrWien (Wien 2007) 163–172.
Gauss 2021
W. Gauss, Kolonna on Aegina. The Development of a Fortified Late Middle Bronze and Early Late Bronze Age Settlement, in: B. Eder – M. Zavadil (Hrsg.), (Social) Place and Space in Early Mycenaean Greece. International Discussion in Mycenaean Archaeology, October 5–8, 2016, Athens 528, Mykenische Studien 26 = DenschrWien (Wien 2021) 517–536.
Hiller 1975
S. Hiller, Mykenische Keramik, Alt-Ägina 4, 1 (Mainz am Rhein 1975).
Pruckner 2010
K. Pruckner, Äginetische Keramik der Schachtgräberzeit. Bichrom und vollständig bemalte Keramik aus dem Brunnen SH B1/06 in Ägina Kolonna (Diss. Paris Lodron-Universität Salzburg 2010).
Rutter 1993
J. B. Rutter, A Group of Late Helladic IIA Pottery from Tsoungiza, Hesperia 62, 1, 1993, 53–93.
Rutter 2023
J. B. Rutter, Ephyraean: Shapes, Pattern, Distributions and Places of Manufacture, in: A.L. D’Agata – P. Pavúk (Hrsg.), The Lady of Pottery. Ceamic Studies Presented to Penelope A. Mountjoy in Acknowledgement if Her Outstanding Scholarship 3, Studi Micenei ed Egeo-Anatolici. Nuova serie supplemento (Roma 2023).
Wohlmayr 2000
W. Wohlmayr, Schachtgräberzeitliche Keramik aus Ägina, in: F. Blakolmer (Hrsg.), Österreichische Forschungen zur ägäischen Bronzezeit 1998. Akten der Tagung am Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien 2.–3. Mai 1998 3, Wiener Forschungen zur Archäologie (Wien 2000).